DAS GEHEIMNIS DER GRAYS von Anne Meredith

Wir schreiben das Weihnachtsfest des Jahres 1931. Wie jedes Jahr hat das Oberhaupt der Familie Gray seine Kinder samt ihrer Angetrauten zur gemeinsamen Feier auf das Landgut eingeladen. Schon in den letzten Jahren war die Stimmung angespannt, da die Familienmitglieder sehr verschieden sind, eigene Ziele verfolgen und nur durch die Gier auf das Familienerbe geeint werden. Aber dieses Jahr ist die Lage misslicher denn je. Fast jeder Familienzweig hat aus unterschiedlichen Gründen große Geldsorgen und denkt nur daran wie man dem alten und sturen Oberhaupt Geld aus der Tasche leiern kann. Daher ist es für alle Angereisten ein Schock, als sie erfahren, dass das Vermögen durch risikoreiche Investitionen des ältesten Schwiegersohnes fast einen Totalverlust erlitt. In der angespannten Lage treten lange unter den Teppich gekehrte Animositäten zu Tage und verschärfen die Situation. Bereits am nächsten Morgen wird das Familienoberhaupt tot aufgefunden. Nach dem ersten Entsetzen beschuldigen und verdächtigen sich die Familienmitglieder gegenseitig. Aber wer war nun der Mörder?

Dieser Krimi ist kein gewöhnlicher Krimi, indem der Leser raten muss, wer der Täter ist. Der Täter wird relativ früh in der Geschichte bekanntgegeben. Es geht vielmehr darum seine Motive nachzuvollziehen, seine Verschleierung des Mordes zu begleiten und staunend zu lesen, wie sich die Familie zerfleischt und zusammen mit der Polizei versucht, den Täter zu ermitteln.
All das geschieht im Ambiente eines englischen Herrenhauses der 30er Jahre. So nimmt man Anteil am Untergang eines ganzen Standes, der hin- und hergerissen ist zwischen Tradition und Moderne und seinen Platz in der neuen Weltordnung nicht so richtig finden kann. Dementsprechend hoch ist auch das rhetorische Niveau der Protagonisten und das Lesen der Rededuelle ist ein wahrer Genuss. Sprache ist in dieser Geschichte ein mächtiges Schwert und so wird über diese dem Leser ein nachhaltiger Eindruck in diese untergegangene Epoche präsentiert. Auch das Reflexionsniveau der Partizipierenden ist aus heutiger Sicht ungeheuerlich. Alle neigen zu tiefen und treffenden Einblicken in die eigene Psyche aber auch die inneren Dämonen anderer. Umso unbefriedigender wirkt vor diesem Hintergrund dann die triviale Motivlage für den Mord und das Vorgehen des Täters nach der Tat. So musste er einfach enttarnt werden, obwohl das nicht seine Absicht war.

Insgesamt ist die Wiederauflage des Romans aus dem Jahre 1933 ein echter Lesegenuss. Abzüge gibt es nur für das unbefriedigende Motiv und das dämliche Vorgehen des Täters nach der Tat, was auch nicht durch die Persönlichkeit des Mörders erklärt werden kann. Zudem geht dem Roman aufgrund der zuvor genannten Mängel am Ende etwas die Puste aus. Trotzdem reicht es für gute vier von fünf Sternen. Krimileser, die Freude an psychologischen Gedankenspielen haben, sollten beherzt zugreifen.

Erhältlich als gebundene Ausgabe und e-book

Erschienen im Klett-Cotta Verlag

Veröffentlicht am 08. September 2019

ISBN: 978-3608962994

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